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Zwischen Akribie und Authentizität

Zu Sabine Eberts Roman »Das Geheimnis der Hebamme«

Sachsen im 12. Jahrhundert: Rohstoffe sind knapp und das Leben nur kurz und voller Gefahren. Willkürliche Lehnsherren nehmen sich, was sie wollen, und das einfache Volk muss darunter leiden. Aber eine Siedlergemeinschaft beschließt, das nicht länger mit sich machen zu lassen.

 

Sabine Ebert: »Das Geheimnis der Hebamme« (Foto: Josefine Gottwald, Cover: Verlag Droemer Knaur)

Sabine Ebert: »Das Geheimnis der Hebamme« (Foto: Josefine Gottwald, Cover: Verlag Droemer Knaur)

Angeführt von Ritter Christian ziehen die Männer, Frauen und Kinder in die Meißener Wälder, um ein neues Dorf zu gründen. Die junge Hebamme Marthe begegnet Christian durch Zufall und nutzt die Gelegenheit, um vor ihrem Herrn zu fliehen, der sie für die Geburt seines toten Kindes strafen will.

Sabine Ebert beschreibt den Prozess um Gründung, Wachstum und Verteidigung des Dorfes detailliert und authentisch – inklusive aller Brutalität, die das Schicksal der einfachen Leute bestimmt. Ihr Spannungsbogen ist geschickt und lässt sich vom Leser zwar vorausahnen, aber trotzdem genießen. Der geheimnisvolle Aspekt, der im Titel angesprochen wird, spielt nur eine untergeordnete Rolle.

Über das Hebammenhandwerk lernt man wenig; Marthe scheint in jeder Hinsicht medizinisch gebildet und fungiert meist als Heilerin aller möglichen Blessuren. Ähnlich wie Noah Gordons »Medicus« wird sie durch übersinnliche Fähigkeiten unterstützt: Sie hat Eingebungen und besitzt heilende Hände.

Wieder umarmte Emma sie und strich ihr übers Haar.
»Das ist wohl das Los, dem wir nicht entrinnen können. Sie sind die Herren, und wir müssen gehorchen und büßen für Evas Sünde. Nur kann ich manchmal nicht glauben, dass Gott so etwas mitansehen kann.«
Marthe schwieg.
»Alle denken, ich sei davongekommen.« Emma lachte bitter. »Glaubst du wirklich, dass Wulfhart mich übersehen hätte?«

Vor dem Hintergrund der sächsischen Geschichte steht die romantisierte Entwicklung der Beziehung zwischen Marthe und Christian im Mittelpunkt. Umgeben sind die beiden von Namen, die Spielbälle oder Komparsen sind, aber keine Menschen. Die meisten Charaktere – leider auch einige Hauptfiguren – sind oberflächliche Stereotypen, die nur aus einer einzigen Regung zu bestehen scheinen. Marthe selbst ist eher leidenschaftslos geraten, eine gleichgültige Figur, die ihre Gefühle nur denkt und nicht fühlt, und glaubt, Christian zu lieben, auch wenn sie eigentlich nur aus Angst besteht.

Sabine Ebert, von Haus aus Journalistin, berichtet sachlich und in schlichter Sprache, sodass die Geschichte sich leicht verfolgen lässt. Die mangelnde Charakterisierung erschwert jedoch den Überblick über die Figuren. Was fehlt, ist die Sinnlichkeit. Bildhafte Umschreibungen, Gefühlswahrnehmungen und Atmosphäre, die durch das Sprachbild der Zeit entsteht, muss der Leser meist vermissen.

Die Ausgabe beinhaltet interessantes Bonusmaterial zu den Recherchehintergründen der Autorin und der Erfolgsgeschichte der »Hebammen«-Reihe. Teil eins ist ein herausragender geschichtlicher Bericht über eine Dorfgemeinschaft mit etwas Romantik und einigen höfischen Intrigen. Etwas mehr Gefühl und »Geheimnis« würde die späteren Romane perfekt ergänzen.

Ohne es zu merken, ahmte das Mädchen Marthes Tonfall nach. »Ich mach dir einen Sud davon, und bald wirst du wieder gesund.«
Marie und Johanna ahnten nicht, dass sie mit ihren schwachen Händen Marthes erlöschenden Lebenswillen noch einmal zum Glimmen brachten.
Sie brauchen mich, sie lieben mich, dachte Marthe.
Also würde sie weiterleben. Vorerst.

[i] Sabine Ebert: »Das Geheimnis der Hebamme« | Droemer Knaur 2006 | 652 Seiten | 10,99 Euro.

Informationen zum Autor

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