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Brücken schlagen zwischen den Generationen

Was Diskussion und Perspektivwechsel bewirken, erleben Ehrenamtliche des „Generationendialogs“, ein Projekt der Bürgerstiftung, in der Praxis. In Oberschulen sowie Gymnasien treffen Senioren und Schüler aufeinander, um Themen wie Liebe, Freundschaft, soziale Netzwerke oder Tod jeweils aus ihrem Blickwinkel zu schildern. Dabei prallen unterschiedliche Lebenswelten und Erfahrungen aufeinander, dessen Austausch die Freiwilligen Julia und Fritz moderieren. HeyDresden Autorin Romy Stein durfte sie begleiten.

Kurz nach 8 Uhr eile ich im Nieselregen vom Fahrradständer zur Eingangstür der 46. Oberschule in der Südvorstadt. Die Klinke noch in der Hand, schaue ich in strahlende Gesichter. Mehrere Senioren sowie die jungen Promovenden Julia und Fritz unterhalten sich angeregt. Gleich gestalten sie gemeinsam im Klassenzimmer der 8a den Generationendialog.

Perspektive wechseln

Die Idee Schüler und Senioren ins Gespräch zu bringen entstand 2005, als eine Studentin der Erziehungswissenschaften ein Praktikum bei der Bürgerstiftung Dresden durchführte. Sie stellte fest, dass ein solches generationsübergreifendes Projekt innerhalb der Bildungsstruktur in Dresden noch fehlte. Kurze Zeit später gehörte sie zu den ersten Moderatoren des Generationendialoges. Aktuell übernehmen dies unter anderem Julia und Fritz, die sich vorab inhaltlich auf die folgenden 90 Minuten vorbereitet haben.

Fritz (30) und Julia (25) moderieren ehrenamtlich Generationendialoge | Bild: Romy Stein

Fritz (30) und Julia (25) moderieren ehrenamtlich Generationendialoge | Bild: Romy Stein

Julia, die sich seit einem Jahr ehrenamtlich im Projekt engagiert, erklärte mir vorab: „Es existiert ein gewisser Themenpool aus dem wir schöpfen können, bei Bedarf planen wir aber auch neu und berücksichtigen thematische Wünsche der Lehrer oder politisch Aktuelles. Die Anlehnung an den Lehrplan haben wir dabei stets im Blick. Generell verstehen wir uns als Impulsgeber für den Diskurs zwischen Schülern und Senioren. Es gibt immer ein Oberthema und dazu passende tiefergehende Aufgabenstellungen, welche als Diskussionsgrundlage in den Gruppen dienen. Als wir über den Tod sprachen, war das beispielsweise Organspende, Sterbehilfe und die Todesstrafe.

Fritz, der Geologie und Wasserwirtschaft studierte, beschreibt den Austausch als sehr wertvoll für beide Seiten. „Die Älteren sind vor allem ehrlich interessiert, wollen mit den Schülern in Kontakt treten und gehen dabei nahezu auf jeden Einzelnen ein. Für die Jugendlichen steht der Vergleich von früher und Leute im Fokus, also wie war es als die Senioren jung waren und wie gestaltete sich deren Lebenswelt im Vergleich zu der heutigen. Oder aber der unterschiedliche Blickwinkel von Alt und Jung, also die heutige Welt aus einer älteren Perspektive betrachtet.

Haptisch und assoziativ wird die Diskussion über „Liebe“ eingeleitet | Bild: Romy Stein

Haptisch und assoziativ wird die Diskussion über „Liebe“ eingeleitet | Bild: Romy Stein

Assoziationen von Liebe

Wenige Augenblicke nach unserem Ankommen lässt Julia die Schüler einen Gegenstand nach dem anderen aus einem Beutel ziehen. Diese sollen dabei ihre spontane Assoziation zum heutigen Schwerpunkt „Liebe“ nennen. Ein Jugendlicher hält jetzt ein Smartphone in der Hand und assoziiert: „zum Nachrichten schreiben.“ „Habt ihr eine Idee, wie die Paare das früher gemacht haben, wenn sie voneinander getrennt waren“, fragt Julia jetzt die ganze Runde. „Mit Briefen“, „Oder sie haben eine Taube geschickt“ werfen zwei Schülerinnen ein.

Auch die Senioren haben Dinge mitgebracht, die sie ganz persönlich mit Liebe verbinden| Bild: Bürgerstiftung Dresden

Auch die Senioren haben Dinge mitgebracht, die sie ganz persönlich mit Liebe verbinden| Bild: Bürgerstiftung Dresden

Verschiedene Lebenswelten im Dialog

Die circa 20 Schüler und sieben Senioren finden sich nun in fünf Gruppen zusammen, um jeweils eigene Aufgaben zu diskutieren. Ihre Erkenntnisse aus dem Gespräch halten sie auf einem Flipchart fest. Während die einen über Formen der Liebe sprechen, beleuchten die anderen die Heirat heute und früher. Eine Traube Schüler, welche sich mit der Fragestellungen über „Liebe in der Öffentlichkeit“ auseinandersetzt, berichtet wie häufig Leute auf Instagram und Facebook jede Unternehmung mit ihrem Freund oder ihrer Freundin dokumentieren. Ein Junge aus der Runde gibt zu bedenken, dass es doch niemanden was angeht, ob man mit jemanden zusammen ist. Als ein Senior nach eigenen Beziehungserfahrungen fragt, erzählen zwei Schüler recht offen, andere schweigen.

An einem anderen Tisch erzählt ein Mann, weit über die 60, von seiner großen Liebe zu DDR-Zeiten und den damit verbundenen Schwierigkeiten sich zu treffen. Er ist der Meinung, dass es nur eine wahre Liebe im Leben gibt, die man nicht verpassen dürfe. Die Achtklässler um ihn herum verstummen kurz und wirken auf einmal sehr ernst.

Die Seniorin Rose Mischke erfasst mit den Achtklässlern die Aufgabenstellung, bevor sie Erkenntnisse dokumentieren |Bild: Romy Stein

Die Seniorin Rose Mischke erfasst mit den Achtklässlern die Aufgabenstellung, bevor sie Erkenntnisse dokumentieren |Bild: Romy Stein

Für die Gruppendiskussionen verteilt Fritz die Aufgabenstellung und gibt Denkanstöße falls nötig. | Bild: Bürgerstiftung Dresden

In einem anderen Gesprächskreis beschreibt eine Rentnerin ihre innig empfundene Ehe, macht jedoch darauf aufmerksam, dass die Heirat zu DDR-Zeiten häufig Bedingung war, um eine gemeinsame Wohnung mieten zu dürfen. Zwei Mädchen scheinen angetan von der Notwendigkeit und Bedeutsamkeit der damaligen Trauung. „Heute heiraten viele schon ganz jung und ich habe oft das Gefühl die meisten haben es sich gar nicht richtig überlegt“, beschreibt eins der Mädchen ihr Empfinden.

Ziemlich offen entwickeln sich die Überlegungen zu den Formen der Liebe. Neben Homo- und Heterosexualität werden „Liebe auf den ersten Blick“, „heimliche Liebe“ und „Tierliebe“ aufgezählt. Ein Junge erzählt, dass er nicht verstehe, dass manche Beziehungen nur wegen des Geldes zustande kommen, obwohl sich beide gar nicht lieben oder die Gefühle nur einseitig sind. Auf dem Plakat notiert er „Liebe, nur wegen dem Geld“, setzt ein dickes Ausrufezeichen und malt darunter ein zerbrochenes Herz.

Zum Schluss der Doppelstunden präsentieren die Gruppen die Erkenntnisse ihres Dialogs |Bild: Romy Stein

Zum Schluss der Doppelstunden präsentieren die Gruppen die Erkenntnisse ihres Dialogs |Bild: Romy Stein

Eine Viertelstunde vor dem Pausenklingeln kommt die Klasse mit den Senioren wieder im Stuhlkreis zusammen. Die Plakate werden nacheinander an die Tafel gepinnt und die Erkenntnisse dem Rest der Klasse dargelegt. Dabei fällt mir auf, dass die unterschiedlichen Erfahrungen der Generationen genauso thematisiert werden, wie der gemeinsame Nenner der jeweils gefunden wurde. Auch wenn hier und da gekichert wird, spüre ich wie der Austausch die Gemüter bewegt und zum Nachdenken angeregt hat.

Im Gespräch mit Zeitzeugen

Während die Schüler ihre Sachen zusammensuchen, um zur nächsten Unterrichtsstunde aufzubrechen, komme ich mit Klaus Schwarze ins Gespräch, der zu den Mitwirkenden der ersten Stunde gehört. Seine positive Ausstrahlung und sein offener Blick fielen mir gleich zu Beginn auf. Wegen längerer Krankheit musste er sein freiwilliges Engagement beim Generationendialog für fast zwei Jahre unterbrechen. „Die Dialoge haben mir gefehlt. Ich hab mich sehr auf heute gefreut“, sagt er lächelnd. „Ich umgebe mich gern mit Jugendlichen. Da lernt man mehr als aus der Zeitung. Solange es die Zeitzeugen von Krieg und DDR noch gibt, sollten die jungen Leute auch die Chance bekommen mit denen zu sprechen. Im persönlichen Gespräch erfährt man nochmal ganz andere Dinge als im Lehrbuch.“ Er selbst kam 1943 zur Schule und erinnert sich daran, dass der Unterricht damals öfter wegen Luftangriffen unterbrochen wurde.

Anregung für Kopf und Herz

In vier Jahren ehrenamtlicher Moderation hat Fritz schon einiges erlebt. Als ich ihn nach einem besonderen Erlebnis frage, mag er sich kaum festlegen. Schließlich beschreibt er eine Situation, wo eine Seniorin von ihrem Nahtoderlebnis erzählte und die Gesichter der Schüler wie versteinert waren und alle gebannt zuhörten. „Selbst den Rabauken in der letzten Reihe fiel kurz die Kinnlade runter. Das war beeindruckend. Solche Momente gibt es immer wieder mal. Das ist auch einer der Hauptgründe, warum ich mitmache. Gerade die Dialoge zum Tod haben mir persönlich auch viel gegeben“.

Dass die Dialoge Gemeinschaft stiften und dabei Kopf und Herz anregen, mag Julia besonders an ihrer freiwilligen Arbeit. „Es gibt sogar Schüler, die einen Senior zu ihrer Abschlussfeier einladen, weil sie ihn über mehrere Jahre und in unterschiedlichen Dialogen so gut kennengelernt haben.

Wie bereichernd das Angebot für alle Beteiligten ist, spiegeln auch die Lehrer wider. „Sie sind super vorbereitet und freuen sich richtig, wenn wir kommen. Da steht schon der Stuhlkreis, sie stärken uns mit einer Tasse Kaffee und unter dem Feedbackbogen steht später „Tausend Dank“ mit einem Herzchen.

Informationen zum Autor

Romy (32) wollte schon als kleines Kind Schriftstellerin werden. Sie liebt das geschriebene Wort und möchte mit ihren eigenen etwas bewegen. Sie ist kommunikativ, beobachtet gern Menschen und findet deren Geschichten spannend. Zu hinterfragen und analysieren gehört zu ihren Spezialitäten. Dresden ist inzwischen seit 10 Jahren ihre Wahlheimat, dabei entdeckt sie immer wieder neue Ecken. Sie liebt die vielfältigen Möglichkeit der Großstadt...

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