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Ein Haus für alle: Der Johannstädter Kulturtreff e. V.

Wer an der Haltestelle Sachsenallee aussteigt und in östliche Richtung läuft, steht mittendrin: In Johannstadt, genauer gesagt in dem nördlichen Teil des Dresdner Stadtviertels, den man auf den ersten Blick leicht unterschätzen könnte. Mehrere 10- bis 15-stöckige Wohnblocks stehen nebeneinander. Es ist ein Wohngebiet, das vor allem aus Plattenbauten der 70er Jahre besteht. Es wirkt ein bisschen streng und anonym. Doch in den Gebäuden herrscht Leben und zwischen den hohen Häusern gibt es immer wieder große freie Flächen, wo man gemeinsam lebt. Einer dieser freien Räume wird zum Beispiel von dem Johannstädter Kulturtreff e. V. gestaltet.

Bereits das Gebäude des Vereins fällt sofort ins Auge: bunt bemalt und deutlich flacher als die umliegenden Plattenbauten. Die ehemalige Kinderkrippe ist ein soziokulturelles Zentrum: Ein Ort, an dem künstlerische und kulturelle Freizeitaktivitäten angeboten und mit sozialen Aspekten verknüpft werden. Es geht um ein erstes In-Kontakt-Kommen, ein Kennenlernen und hoffentlich voneinander Lernen, und das durch Projekte, Kurse und Highlights wie zum Beispiel Feste, Gartenkonzerte oder Workshops.

Bereits von außen fällt es zwischen den Plattenbauten in Johannstadt auf – Das Gebäude des Johannstädter Kulturtreffs | Foto: Matthes Blank

Etwa 50 verschiedene Angebote finden im Laufe eines Monats in den Räumen des Johannstädter Kulturtreffs statt, in offenen oder geschlossenen Gruppen, die meisten wöchentlich. Die Veranstaltungen sind vor allem eines: praxisorientiert. Von Holzschnitzen und Keramikkursen über Bogenschießen und Taiji bis hin zum Italienisch Lernen, Klöppeln und Scottish Country Dancing – Die Vielfalt der Kurse kennt keine Grenzen. Sogar sprachliche Barrieren werden durch Kunst und Handwerk einfach überwunden wie etwa bei dem Kurs Stricken Interkulturell. Die TeilnehmerInnen dieses Kurses kommen aus 40 verschiedenen Nationen und versuchen sich gegenseitig beim Erlernen von neuen Strickarten zu helfen, obwohl sie manchmal kein Wort ihres Gegenübers sprechen. Trotzdem entsteht eine Verbundenheit zwischen ihnen durch Mimik, Gestik und die Tatsache und vor allem Freude, gemeinsam etwas zu schaffen. Und den Rahmen dafür möchte das Team vom Johannstädter Kulturtreff anbieten. „Wir möchten eine Art Mitte sein, die versucht zu vernetzen“, erklärt Daniela Tonk, die Geschäftsführerin des Vereins.

Ein erstes In-Kontakt-Kommen, Kennenlernen und voneinander Lernen  | Foto: Philipp Räubig

Johannstadt mitgestalten

Dass dieses Konzept funktioniert, beweist nicht nur die hohe Teilnehmerzahl der Kurse. Auch die über 30 ehrenamtlichen HelferInnen, ohne die sich der Verein nicht halten könnte, sprechen für sich. Der Grund, warum sie das in ihrer Freizeit machen, erfreut selbst Frau Tonk: „Eine ehrenamtliche Helferin meinte mal zu mir, sie wolle einfach etwas Gutes tun, etwas Sinnvolles.“ Und genau darum geht es: Etwas zu geben ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Das engagierte Team vom Johannstädter Kulturtreff | Foto: Philipp Räubig

Das Ziel des Vereins ist es, dass die AnwohnerInnen sich wieder mehr füreinander interessieren. Manche wissen heute nicht einmal, wer in der Wohnung nebenan wohnt. Das ist kein Phänomen, das nur auf Johannstadt zutrifft. Aber hier haben es viele AnwohnerInnen besonders schwer und eigene Sorgen, die sie erst einmal meistern müssen, wie Marleen Kuschke, Verantwortliche für Projektmanagement, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, weiß: „Der Stadtteil kennzeichnet sich durch einen hohen Anteil älterer Menschen, Asylsuchenden und Sozialleistungsempfängern, die nicht das Geld haben für Freizeitangebote.“ Trotzdem wollen zum Beispiel viele Eltern ihren Kindern eine abwechslungsreiche Freizeitgestaltung ermöglichen, aber eben auch eine finanziell erschwingliche. Der Johannstädter Kulturtreff macht es möglich. So bezahlt man hier, etwa für den Keramikkurs am Dienstag, einen Beitrag von rund 12 Euro, bei dem das gesamte Material und zwei Brennvorgänge bereits inklusive sind. „Auch die Kinderkeramik ist immer gerammelt voll“, berichtet Frau Tonk. Und das ist nur ein Beispiel von vielen, an denen deutlich wird, wie gut das Angebot des Vereins angenommen wird. Der Johannstädter Kulturtreff möchte jedem die Möglichkeit geben, hier etwas zu finden, sich im Kleinen zu verwirklichen und seinen Stadtteil mitzugestalten.

„Jeder Tag hat seinen eigenen Charakter“

Dass das nicht immer stressfrei gelingt, wissen Frau Tonk und Frau Kuschke aus eigener Erfahrung. Von 9 bis 21 Uhr ist ihr Büro fast jeden Tag geöffnet. Sie müssen neue Förderanträge stellen, Spendenaktionen organisieren, alle Kooperationspartner des Hauses regelmäßig an einen Tisch bekommen und zwischendurch von Raum zu Raum pendeln, um den nächsten Kurs vorzubereiten. Es ist der ganz normale Vereinstrubel, aber: „Jeder Tag hat seinen eigenen Charakter“, sagt Frau Tonk, „Je nachdem, welche Kurse stattfinden.“ Der Donnerstag starte zum Beispiel wuseliger, was vielleicht an dem Kangatraining am Vormittag liegt, wo ambitionierte Mütter mit ihren Babys in Tragetüchern Sport machen. Der Nachmittag wäre dafür wieder entspannter, was vielleicht mit den zwei Yogakursen zur Nachmittagsstunde im Zusammenhang steht. „Es geht um Vielfalt, etwas aktiv zu gestalten und andere daran teilhaben zu lassen“, erklärt Frau Kuschke. Vielfalt als Prinzip, darum geht es bei soziokulturellen Zentren. Und diese Vielfalt beginnt bereits vor der eigenen Haustür, zum Beispiel in Johannstadt, wo sich Kinder zum Lesen treffen, Senioren singen und der Interkulturelle Frauentreff erst vor Kurzem ein Café eröffnet hat. „Wir sind ein Haus für alle“, beschreibt es Frau Kuschke. Das Wichtigste ist dabei das Miteinander – offen, auch mal ohne Worte, aber immer herzlich.

Vom Interkulturellen Frauentreff ins Leben gerufen – Das Café Halva | Foto: Antonia Humboldt

Weitere Infos, zum Beispiel die Wochenübersicht der Kurse, gibt es unter: www.johannstaedterkulturtreff.de.

Informationen zum Autor

Ich heiße Lisa. Ich liebe das Reisen, Schreiben und Tanzen. Ansonsten bin ich neuigierig, spontan, kreativ chaotisch und mit 100% Herzblut bei den Dingen, die ich tue. Warum ich schreibe? Um die Begegnungen mit Menschen und ihren einzigartigen Geschichten noch einmal erlebbar zu machen und mit anderen zu teilen. Geschrieben und gesprochen. https://de.gravatar.com/kirstenlisa

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