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Zwei Versager, die gemeinsam stark werden

Das Pflichtmandat


Theater H.O. spielt John Mortimers „Das Pflichtmandat“ im Theaterhaus Rudi

In der letzten Woche holte das Theaterhaus Rudi die Amateurgruppe H.O. Theater auf seine Bühne im Theater unterm Dach. Auf dem Plan stand „Das Pflichtmandat“, ein Zweipersonenstück und somit eine besondere Herausforderung für eine Amateurtheatergruppe.

Inszeniert wurde das Stück des englischen Juristen John Mortimer von Rita Schaller. Die Regisseurin und Schauspielerin ist bereits seit zehn Jahren fester Bestandteil des H.O. Theaters und wurde zum 40-jährigen Bestehen der Gruppe zum Ehrenmitglied ernannt. Ihre Regie-Erfahrungen mit H.O. reichen von “Leonce und Lena“ bis hin zu mehreren Shakespeare-Stücken.

„Das Pflichtmandat“ inszeniert Schaller als leichtes Duett mit tragikomischen Zügen und einer interessanten Mischung aus Moderne und Tradition. Sie lässt Konrad Walzer den Henry Fowle als äußerst unappetitlichen, zumindest anfangs auch sehr unsympathischen Zeitgenossen auftreten, der sich anscheinend mit seinem Schicksal im Gefängnis arrangiert hat. Schließlich spült er sich recht unbekümmert den Mund mit demselben Wasser aus, in welchem er wenige Sekunden zuvor seine Füße gewaschen hat. Seine Kleidung besteht aus Jogginganzug und kaputten Schuhen und zeugt von ärmlichen Verhältnissen.

Das Pflichtmandat


Walzer spielt den ruhigen und eher menschenscheuen Händler von Vogelfutter auf eine so eindringliche Weise, dass man bald sogar Verständnis für seine Tat aufbringt.

Der Mord an seiner Frau wegen ihrer ewig komischen Witzelei und ihrer penetranten Lustigkeit schien für jemanden wie Fowle tatsächlich der einzige Ausweg gewesen zu sein. Man erkennt in ihm den einfachen Wunsch nach Ruhe vor ihrer Albernheit und kann die Enttäuschung über seine gescheiterten Verkupplungsversuche mit einem gleich frohgemuten männlichen Gegenpart fast nachfühlen.

Ähnlich ergeht es Fowles Pflichtverteidiger Wilfried Morgenhall, gespielt von Roland Stegemann. Er attestiert ihm zudem, was man als Zuschauer auf den ersten Blick zu erkennen scheint: eine „beschränkte Intelligenz“. Als bewusster, scheinbar intellektueller Gegenpart trägt er einen klassischen Talar, inklusive Perücke, was ihn sehr traditionell wirken lässt.

Das Pflichtmandat

Aber ganz so klar sind die Rollen nicht verteilt, denn Morgenhall verstrickt sich in seinen Ausführungen immer wieder in Denkfehler, auf die er ausgerechnet von Fowler hingewiesen wird. Frei von jeglichem Unrechtsbewusstsein gegenüber der Tatsache, dass er es mit einem Mörder zu tun hat, ist er zudem besessen von dem Wunsch, diesen einzigen Fall in seiner Anwaltsgeschichte, an den er auch nur durch Zufall gelangt ist, erfolgreich zu beenden. Dafür heißt es kämpfen und so spielen die beiden jede erdenkliche Situation vor Gericht durch.

Roland Stegemann gibt den Morgenhall als alten erfolglosen Mann mit ganz und gar Mitleid erregendem Charakter. Er ist zwar belesen und sprachlich talentiert aber leider nicht in den wichtigen Momenten des Lebens, in denen es genau darauf ankäme. Seine schnell umschlagenden Stimmungen, die von schierer Verzweiflung bis zu hoffnungsfroher Schaffenskraft reichen, spielt Stegemann mit liebenswerter Leichtigkeit – trotz der sehr anspruchsvollen Textfülle.

Englischer schwarzer Humor gewürzt mit einer Portion Tragik macht die besondere Mischung dieses Stückes aus. Rita Schaller schafft es mit sehr einfachen Mitteln die Geschichte der beiden Versager zum Leben zu erwecken.

Das Pflichtmandat

Ein bewusst schlicht gewähltes Bühnenbild stellt das Spiel der beiden Akteure in den Mittelpunkt des Geschehens. Eine tiefgründige Darstellung, ohne dass ein einfacher Dialog mit wenig Handlung daraus wird, ist die große Herausforderung in diesem textschweren Zweipersonenstück. Walzer und Stegemann gelingt dies äußerst überzeugend. Nach und nach decken sie die Geschichten ihrer Charaktere auf und eröffnen deren tragische Gefühlswelten. Man fängt an, sich zu fragen, wer eigentlich wen, aus welchen Gründen retten will.

Besonders amüsant ist es, dabei zuzusehen, wie ungeschickt Fowle und Morgenhall versuchen alle Eventualitäten der Gerichtsverhandlung durch zugehen und wie sie dabei immer wieder an ihre Grenzen stoßen. Gemeinsam schaffen es die beiden trotzdem, sich immer wieder gegenseitig Hoffnung zu geben und ziehen dann auch frohen Mutes in den Gerichtssaal.

Wie der Prozess am Ende ausgeht, ob Fowle seine geliebten Vögel jemals wiedersehen wird und wer der wahre Held des Stückes sein wird, soll aber an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur so viel: Erfolg und Misserfolg sind hier relativ und liegen im Auge des Betrachters.

Fotos: Ines Koniarski

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